Pressekonferenz, nach Pressekonferenz, nach Pressekonferenz – das war das Jahr 2020 bisher. Ich habe mittlerweile aufgehört zu zählen bei wie vielen Pressekonferenzen der Regierung wir gespannt vor den Fernsehern hockten. Tatsache ist, es waren viele – zu viele.

Und genau weil Pressekonferenzen einen so großen Teil in unserem Leben eingenommen haben, jedoch vielen nicht bewusst ist, wie strategisch der Inhalt dieser präsentiert wird, möchte ich dies gerne an Hand der jüngsten Pressekonferenz aufzeigen.

In dieser verkündete Sebastian Kurz (wir konzentrieren uns in diesem Post nur auf den Teil bei dem der Kanzler spricht) einen zweiten Lockdown. Obwohl, verkünden ist eigentlich zu viel gesagt, denn den Inhalt hätte man auch in 2 Sätze zusammenfassen können.

In Wirklichkeit folgte die Ansprache des Herrn Bundeskanzlers folgendem Aufbau:

  • Setzt die erwarteten Maßnahmen in Kontext mit der derzeitigen Situation
  • Erklärt die Lockdown Maßnahmen (erst bei 02:00), wobei er zuerst auf wirtschaftliche und dann erst auf private Faktoren eingeht)
  • Emotionen, Emotionen, Emotionen
  • Schließlich ein Abschluss, wo er erneut dazu aufruft, dass „wir“ nun zusammenhalten müssten

Nun ist klar, dass Sebastian Kurz diese Rede nicht selbst geschrieben und somit ein Profi am Werk war, der gezielt versucht hat die Verkündung gekonnt in ein gutes Licht zu rücken. Dies an sich ist auch kein Problem, da dies wohl der Fall ist für den Großteil der öffentlichen Redner. Allerdings kann es gefährlich werden, wenn sich das Publikum dessen nicht bewusst ist. Deshalb möchte ich einige der Stilmittel und deren Wirkung hier anhand von ein paar Beispielen erläutern.

„Nicht nur Österreich, sondern ganz Europa…“

Mit Aussagen, wie dieser, die wiederholt in der Rede vorkommen, möchte der Bundeskanzler klar machen, dass die Maßnahmen nicht aufgrund von Versäumnissen der österreichischen Regierung zustande kamen, sondern dass diese unvermeidlich sind. Er weist auch jegliche Argumentation basierend auf der parteipolitischen Orientierung der ÖVP von sich, indem er von den verschiedenen Orientierungen der regierenden Parteien in anderen europäischen Ländern spricht, die die gleichen Maßnahmen fordern.

Mir geht’s genau, wie Ihnen

Dieses Gefühl möchte Sebastian Kurz auch gezielt hervorrufen, um zu zeigen, dass er ja eigentlich gar nichts dafür kann und auch am liebsten diese Maßnahmen nicht verkünden würde. Somit zeigt er, dass es nicht ein „alle gegen die Regierung“ sein sollte, sondern „wir gemeinsam gegen den Virus“. Er schafft ein fiktives Feindbild, dass ungleich der Regierung bzw. der ÖVP ist. Ganz am Anfang der Rede (00:08) macht er dies deutlich, indem er sagt: „Glauben Sie mir, ich würde Ihnen gerne eine andere Nachricht überbringen, aber es ist meine Aufgabe…“. So distanziert er sich als ÖVP-Politiker und Person von seinem Amt und etwaigem Unmut der aufgrund der Maßnahmen gegen ihn entstehen könnte.

„Wir werden das nicht zulassen!“

Besonderes problematisch in meinen Augen sind Statements in den der Bundeskanzler die Regierung als Beschützer oder gar Retter darstellt. Floskeln, wie „Arbeitsplätze retten“ (03:20), „Bevölkerung schützen“ (4:35) oder eben „wir werden das nicht zulassen“ (01:44) heben die Entscheidungen auf ein Podest und positionieren die Entscheidungsträger als „Helden“. Was dabei auffällt ist, dass genau diese Aussagen eigentlich im krassen Gegensatz zu den „wir“-Gefühlen, die eben genauso entstehen sollen, wenn es um die Umsetzung der Maßnahmen geht, stehen.

Dies ist sogenanntes „cherry-picking“ nach dem Schema: Wenn es in meine Strategie passt, dann nehme ich eine Machtposition ein, und wenn es andersrum besser ankommt, dann machen wir’s anders. Regierende sollten sich allerdings zu jedem Zeitpunkt ihrer Rolle bewusst sein und auch Verantwortung für alle Entscheidungen – auch wenn sie unangenehm oder unbeliebt sind – übernehmen.

„Aber wenn wir solche negativen Emotionen verspüren…“

Bei 06:00 geht Sebastian Kurz auf die Emotionen und Stimmungen der Bevölkerung ein. Zuerst hebt er Positives hervor (Nachbarn wird geholfen, Ärzte die Unglaubliches leisten etc.), gibt aber dann auch negativen Emotionen einen Platz, nur um sie sofort wieder zu relativieren. Der Eindruck der entsteht ist, dass zwar ein Bewusstsein für die Stimmung existiert, die Bevölkerung sich aber dennoch den Entscheidungen der Regierenden zu beugen hat. Denn schließlich leben wir in Österreich und können uns glücklich schätzen, überhaupt ein solch großartiges Gesundheits- und Sozialsystem zu haben.

Und auch wenn dies klar und durchaus wahr ist, handelt es sich um ein bewusst eingesetztes Stilmittel, welches – überspitzt formuliert – vermittelt, dass man kein Recht habe sich zu beschweren (oder zu hinterfragen). Vor allem das können, wir als NEOS, die kritische Opposition, keinesfalls so hinnehmen.

„…, wie ich es auch schon vor einigen Monaten gesagt habe“

Zum Schluss der Ansprache gibt Sebastian Kurz einen Ausblick auf das Ende der Pandemie, welches er mit Hilfe des Einsatzes eines wirksamen Impfstoffes in den Sommer 2021 datiert. Diese Vorhersage habe er auch schon während des ersten Lockdowns kommuniziert. So möchte er dem Publikum vermitteln, dass man seinen Worten Glauben schenken darf und darauf vertrauen kann, dass sie wahr sind. Dies gibt Hoffnung und fördert so den Zusammenhalt und Einhalten der Maßnahmen.

Abschließend möchte ich betonen, dass Kanzler Kurz keinesfalls die einzige Person des öffentlichen Lebens ist, die Sprache zum eigenen Vorteil einsetzt. Auch ist klar, dass sich niemand immer bewusst ist, über all die Arten, wie er/ sie möglicherweise gerade beeinflusst wird.

Jedoch halte ich es für wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen und so eine Sensibilität dafür zu schaffen. Vor allem die Worte der Regierenden eines Landes tragen mehr Gewicht und sollten somit auch verantwortungsvoll gewählt werden.